Natürlich geht dass- nachbarschaftliches Leben in der Gemeinde
Materialien zur Tagung vom 26.02.2008 in Düsseldorf
Andacht von Gerrit Heetderks
Einmal reicht es. Wieso soll das alles nicht mehr gehen? Wieso ist mit einem Mal für Soziales kein Geld mehr da? Wieso beginnen staatliche, kirchliche und diakonische Institutionen, die sich für andere einsetzen sollen, sich selbst immer weiter einzuschränken?
Was passiert denn dann mit denen, die nicht mehr mitkommen? Was passiert mit den Jugendlichen, die keine Lehrstelle bekommen, was mit denen, die aus gelernt haben, aber keine Arbeit mehr haben? Was passiert mit den Hochaltrigen, die sich selbst nicht mehr helfen können? Wo bleiben die Dementen? Was ist mit denen, die keine Kinder, keine Angehörigen mehr haben? Wo sollen die psychisch Kranken hin?
Wir sind in einer Situation, wo sich staatliche und kirchliche Institutionen lange genug um sich selbst gedreht haben. Ich habe manchmal den Eindruck, dass sie einen Drehschwindel bekommen haben und beginnen, nicht mehr aufrecht stehen zu können; sie sind nicht mehr auf-richtig. Deshalb sei die Frage erlaubt: „Geht es eigentlich noch in erster Linie um die Menschen? Macht Ihr euch eigentlich in erster Linie Gedanken darum, wie den Menschen geholfen werden kann, wie sie ihre Würde, ihr Ansehen erhalten können oder geht es in erster Linie die Aufrechterhaltung der Institution?
Die Bibel erzählt nicht nur Wundergeschichten, sondern auch wunderbare, einzigartige Geschichten, die, wenn wir darauf hören, uns weiter helfen als so manche Beraterfirma, die wir im Moment in unsere kirchlichen und staatlichen Einrichtungen hereinholen, die zwar unser Design verändern aber damit unsere Hilflosigkeit nur umso deutlicher machen.
Eine dieser Geschichten steht in Markus 2, 1-12.
Es geht um einen Gelähmten in dieser Geschichte, also um jemanden, der nicht auf eigenen Beinen stehen kann, der mit den anderen nicht mitkommt, der auf die Hilfe anderer angewiesen ist. Er ist nicht selbstständig, sondern auf „Stütze“ angewiesen ist. Er muss getragen und ertragen werden. Er steht oder sitzt nicht in der ersten Reihe, wird abgedrängt, vielleicht auch verdrängt, es geht um einen, der sich nicht ohne weiteres mehr selbst helfen kann, er braucht Hilfe.
Er ist materiell gesehen einer, den man als Habenichts bezeichnet, aber er hat Freunde; Freunde haben ist viel. Wenn man Menschen, die keine Freundinnen und Freunde haben, als Habenichtse bezeichnete, dann gibt es in unserer Gesellschaft überwiegend Habenichtse. Mir begegnete unlängst einer, der zweistellige Millionenbeträge besitzt, aber ein Freunde-Habenichts war. Es war eine bedauernswerte Gestalt und ich beneidete ihn nicht als er mit seinem 150.000 € teueren Auto davon fuhr.
Zurück zu unserem Gelähmten: Seine Freunde wollen ihn wieder auf die eigenen Beine stellen, sie wollen ihn wieder aufrichten. Sie haben gehört, dass Jesus einer ist, der das bewirken kann, von dem im wahrsten Sinn des Wortes eine solche Wirkung ausgeht. Deshalb machen sie sich mit ihrem Freund auf der Trage auf zu ihm, der in einem Haus in Kapernaum am See Gennesaret aufhält. Dort angekommen geht nichts mehr. Das Haus ist voll; es gibt keinen Platz mehr. Kein Raum ist da für diese elende Gestalt. Es tritt auch keiner zur Seite, um die Freunde durchzulassen. Wieso auch? Schließlich haben sie schon lange angestanden. Dieser Mann ist doch eh schon abgeschrieben, erst einmal die Leistungsträger der Gesellschaft. Doch jetzt passiert etwas ganz Unerwartetes: Die Freunde geben sich nicht damit zufrieden, sondern steigen den Menschen aufs Dach. Sie lassen das diesen Menschen nicht durchgehen, dass keiner sie durchlassen will. Sie steigen ihnen aufs Dach und graben ein Loch in das Dach des Hauses. Allen denen zum Trotz, die sich herablassend über ihren Freund äußerten, lassen sie diesen Menschen von oben herab direkt vor die Füße Jesu. Da liegt ihm nun das Elend vor den Füßen. Das Elend ist offensichtlich. Aber Jesus tut etwas Verrücktes. Er sagt zu dem Kranken: „Dir sind deine Sünden vergeben.“ Deutlicher als alle anderen sieht er, was diesen Mann in die Knie gezwungen hat. Er sieht und spürt sehr genau, was dieser Mann braucht: Einer muss sich mit ihm auseinander setzen, einer muss sich ihm in den Weg stellen, einer ihm nicht ausweichen. Es geht nicht um schnell Lösungen, nicht darum diesen Menschen los zu werden. „Dir sind deine Sünden vergeben.“ Da kommt mit einem Mal Bewegung in die Menge, weil sich die zu Wort melden, die es richtig wissen, die sich vorher einen Dreck um diesen Mann gekümmert haben, aber das, was dieser Jesus macht, das geht zu weit. Das ist eine Amtsanmaßung von Jesus. Sünden vergeben, das kann nur Gott. „Was wollt ihr denn eigentlich?“ fragt Jesus. „Ist es leichter zu sagen: dir sind deine Sünden vergeben oder stehe auf, hebe dein Bett auf und geh?“ Und er sagt dem Gelähmten: Steh auf, hebe dein Bett auf und geh nach Haus. Und dieser lahme Mensch kann aufstehen, standhaft sei, vor sich selbst und vor anderen und er kann gehen. Es ist was in ihm in Bewegung gekommen, was ihn aus seiner Bewegungslosigkeit herausholt. Vielleicht hat er sein Leben bisher als vergebens erlebt; durch Vergebung ist er standhaft geworden.
Ich nehme mit.
Ich wünsche uns allen einen spannenden, offenen, fröhlichen, lebendigen Tag, der uns aus unseren Lähmungen befreit und uns in Bewegung bringt und auf Trapp hält.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne.
Amen
Gerrit Heetderks, Ev. Erwachsenenbildungswerk Nordrhein